Aus Schmerz wird Trost
Die Hamburger Schriftstellerin Regula Venske über ihre Lieblingsplatte: Bob Dylans "Blonde on Blonde"

Der größte Musiker gleich nach Johann Sebastian Bach ist für mich Bob Dylan. Und der größte lebende Lyriker auch. Zielsicher trifft er mich da, wo es wehtut. Und wo der Schmerz trotzdem auszuhalten ist, sich bisweilen in Trost verwandelt. So viel Sehnsucht und Begehren: "I want you", so viel begnadete Zuversicht: "But it's not that way, I wasn't born to lose you".
"She makes love just like a woman", das galt mir mit 17 im Internat in Amerika, das Wochenende herbeisehnend und Einladungen "fakend", damit ich Ausgang bekam. "But she breaks just like a little girl", das gilt mir noch immer.
"Sad-eyed lady of the lowlands", zigmal - gehört? Nein, gewesen. Während die Visionen von Johanna mich wach hielten, bis nach Morgengrauen, ob ich nun meine Diss schrieb oder den Faust-Roman "Marthes Vision".
Ich bin nicht an Besitz interessiert. Begnügte mich jahrelang mit einem verstaubten Dual-Plattenspieler, bei dem der Lautsprecher im Deckel steckte und der Plattenteller mittels zweier Schrauben gelockert wurde. Alte Freunde belächeln mich, junge wissen nicht, wovon ich rede. Doch ich brauche kein Dolby Surround. Die Musik ist in mir. Wie auch der Text. "Mona Lisa musta had the highway blues you can tell by the way she smiles." Einfach genial.

Hamburger Abendblatt, 12. Mai 2011

 
 
 
 

Geborgenheit
In Gottes Hand

„Welche Wurzeln tragen?“ Seit ich mit siebzehn T. S. Eliots Waste Land las, ist mir die Frage lieber als jede Antwort. Gern reiße ich auch mal ein Pflänzchen aus, um die Stärke der Wurzeln zu prüfen.

Gemeindebrief der Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Gertrud, Hamburg, Dezember 2010-Februar 2011
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Mord mit Sauce

Einst schrieb Regula Venske eine Doktorarbeit mit dem Titel "Mannsbilder - Männerbilder. Konstruktion und Kritik des Männlichen in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur von Frauen". Wer das zu feministisch findet, mag sich trösten. Heute macht Frau Dr. phil. Venske Männern nur mit ihren Büchern Angst. Die in Minden geborene Hamburgerin gilt als eine der besten deutschen Krimi-Autorinnen. An diesem Sonnabend liest sie zum Abschluss des 4. Krimifestivals auf Kampnagel.
Es soll ja vergeistigte Menschen geben oder verkopfte, verklemmte, die die Lektüre von Krimis als leichtgewichtige Freizeitbeschäftigung abtun; für die ist der Täter eh immer der Gärtner und der ästhetische Wert eines Kriminalstücks gleich null. Solche Krimi-Verächter sind bei Regula Venske "schief gewickelt" - so hieß 1991 ihr erster Roman. Für ihre spannenden, intelligenten Plots erhielt die Mutter zweier Söhne 1996 den Deutschen Krimipreis.
"Eigentlich wollte ich Glücksautorin werden", sagt die 55-Jährige. "Aber in dieser Gesellschaft kauft einem das Glück keiner mehr ab. Leichen verkaufen sich viel besser."
Die Schwester des Kabarettisten Henning Venske, früher Verlagsleiterin bei Rotbuch, schreibt auch experimentelle Prosatexte, aber am erfolgreichsten ist sie mit ihren Krimis wie "Herzschlag auf Maiglöckchensauce". Klingt doch auch viel besser als "Konstruktion und Kritik des Männlichen".(tha)

Hamburger Abendblatt, 6. November 2010

 
 
 
  40 Tage in der Wüste

Die Hamburger Schulbehörde sucht Lehrer per Internet. Eine Schriftstellerin bewirbt sich und steht zwei Tage später ohne Referendariat vor einer Gymnasialklasse. Ausschnitte aus dem Tagebuch.
Von Regula Venske

ZEIT ONLINE 27/2004 S. 27, www.zeit.de | Zum Artikel >>
 
 
 
 
MEIN NACHRUF
Nachruf zu Lebzeiten von Regula Venske


Jetzt, da sie tot ist, dürfen wir es endlich ausplaudern. Regula Venske hatte ein Lebensmotto, das ihr nur wenige ihrer Freunde und kaum einer ihrer Feinde zugetraut hätten. Sie, vor deren kritischer Schärfe die meisten Männer und vor deren preußisch anmutender Disziplin leider auch manche Frauen sich gelegentlich fürchteten, sie war eigentlich gar nicht so.

Someday I'll have to give up this mad carefree existence - dieser Satz hatte es ihr seit ihrem siebzehnten Lebensjahr angetan. Zeit ihres Lebens hat sie ihre ganze Leidenschaft darangesetzt, jenen Tag X hinauszuzögern, und vielleicht hat sie den Beruf der freien Autorin überhaupt nur deshalb gewählt, weil er es ihr ermöglichte, des Morgens zu selbstgewählter Stunde aufzustehen.
Die Intelligenz zu Höherem hätte sie gehabt, aber sie war eine große Liebende, und deshalb wurde nichts aus ihr. Sie liebte ihren Mann, genauer gesagt, ihre Männer, natürlich ihr Kind, ihre Kinder, sie liebte das Leben mit seinen Ablenkungen und Umwegen. Daß sie den Nobelpreis erhalten könnte, hat sie nie ernstlich geglaubt oder auch nur erhofft, man merkt es ihren Büchern an. ... So hat sie sich herzlich mitfreuen können, als ihre Kollegin in der Glücksforschung Ginka Steinwachs tatsächlich mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Der Vermittlung von Frau Steinwachs war es vor allem zu danken, daß Regula Venske in ihrem 50. Lebensjahr schließlich doch die heiß ersehnte Professur für Kairologie in Kairo erhielt. Statt der für die Berufung erforderlichen Habilitation wurde ihre Fähigkeit zum Glücklichsein als gleichwertige Leistung anerkannt.
Wenngleich sie Glück und Genuß immer höher bewertete als Erfolg, gar Geld, konnte ihr doch die lange Liste ihrer Veröffentlichungen im Who's Who in trüben Stunden zum Trost gereichen. Auch das Bunte Verdienstkreuz am Goldband trug sie nicht ohne Stolz. Als eigentliche Lebensleistung aber bleibt erstaunlich, ja bewundernswert, wie sich diese Lebenskünstlerin in unserer glücksfeindlichen Zeit, selbst noch als Greisin, so konsequent hat durchwurschteln können.
Nachdem sie ihren 78. Geburtstag, von einer Handleserin einst als Todesdatum prophezeit, überlebt hatte, hat sie dem Glauben angehangen, die Liebe habe sie unsterblich gemacht. Nun hat der Tod diese verrückte und sorgenfreie Existenz dahingerafft. Regula Venske starb vergangenen Sonntag, beinahe friedlich, in ihrem Bett. Mit ihren letzten Worten verstand sie es noch, sowohl Goethe als auch den kleinen Häwelmann zu zitieren und zudem auf französisch nach ihrer Mutter zu rufen: 'Mehr, mehr!'

Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 14. August 1992